Mit Spürnase gegen Borkenkäfer.

Antonin Hugentobler

Storytelling Antonin Hugentobler mit Hund
Dominik Täuber
Langeweile dürfte für Antonin Hugentobler ein Fremdwort sein. Tagtäglich für ordentlich Wirbel sorgt sein agiler Hund Zino, den der Leiter des Forstbetriebs der Gemeinde Scuol als Borkenkäferspürhund trainiert. Im Winterhalbjahr hat Antonin als Präsident der Lawinenkommission Scuol stets ein wachsames Auge über die Schneesituation. Und als wäre das noch nicht genug Engagement für die Sicherheit von Einheimischen und Gästen, ist er als Rettungschef der Region auch bei Bergnotfällen im Einsatz. Bleibt zwischendurch doch noch etwas freie Zeit, geniesst er diese mit Vorliebe oberhalb der Baumgrenze.

An einem kühlen Morgen gegen Ende des Winters schlängelt sich ein Geländefahrzeug der Gemeinde Scuol die engen Waldstrassen bei Tarasp hinauf. Als Antonin Hugentobler die Tür seines Wagens öffnet, springt sein Hund Zino blitzartig hinaus. Freudig und in Windeseile beschnüffelt er den noch gefrorenen Waldboden um das ganze Fahrzeug. Beinahe jeden Tag begleitet Zino sein Herrchen bei der Arbeit. So auch an diesem Tag, als Antonin wegen des defekten Mobilseilkrans ausrücken muss. Den Kran teilt sich die Gemeinde Scuol in einem gemeinsamen Maschinenring mit Zernez und er ist ein zentrales Arbeitsgerät im unwegsamen Waldgelände. Mit ihm werden die gefällten Baumstämme entlang gespannter Drahtseile zu einer zugänglichen Stelle gezogen, von wo aus sie mit einem Traktorkran zu einer Sammelstelle abtransportiert werden können. Nicht umsonst sind Wegabschnitte um ein Holzschlaggebiet abgesperrt, da die Seile enormer Spannung ausgesetzt sind und unvorhersehbar ausschlagen können. Sperrungen, welche leider oftmals fahrlässig von Wandernden oder Bikenden ignoriert werden. Nicht zu ignorieren ist der dicht getaktete Einsatzplan des Mobilseilkrans, weshalb nun die gesamte Hoffnung des Teams vor Ort auf Antonin liegt.

Antonin Hugentobler Storytelling Wald
Dominik Täuber

Profis im Wald

Die Probleme des Mobilseilkrans an diesem Tag sind schwerwiegender Natur. Antonin und sein Team können sie nicht lösen – ein externer Mechaniker muss gerufen werden. Damit endet der kurze Ausseneinsatz von Antonin sowie Zino und es geht zurück ins Büro nach Sent. Im ehemaligen Gemeindehaus ist das Forstamt der Gemeinde Scuol stationiert. Von hier aus leitet Antonin den Forstbetrieb der Gemeinde. Zwei weitere Revierförster arbeiten in den Büros nebenan. Alle verantworten sie ein zugeteiltes Gemeindegebiet. Darüber hinaus zählen zu seiner Forstgruppe 7 Forstwarte, 2 Säger und 2 Lernende. Was im allgemeinen Sprachgebrauch oft falsch verwendet wird: Es sind Forstwart*innen, welche im Einsatz an der «Front» stehen und sich mit der Holzernte und Waldpflege draussen beschäftigen. Als Förster*in benötigt man eine weitergehende Ausbildung und nimmt anschliessend leitende und administrative Arbeiten ein, was mit mehr Zeit im Büro verbunden ist. Doch spezialisiert im Umgang mit Holz sind sie alle.

 

Mein Beruf als Förster bringt viel Schreibtischarbeit mit sich. Diese ist zwar auch spannend, aber ich bin schon lieber draussen unterwegs.

Storytelling Antonin Hugentobler Gespräch im Wald
Dominik Täuber

Ein äusserst abwechslungsreicher Aufgabenbereich

Der Kanton überträgt den Gemeinden forstpolizeiliche Aufgaben, vergütet diese aber auch entsprechend. Gemeinden müssen daher Förster anstellen für klar definierte Arbeiten. Rund die Hälfte aller Holzschläge in Scuol verantworten Antonin und sein Team, der Rest wird von zwei privaten Forstunternehmen durchgeführt. Zu ihrem vielfältigen Aufgabengebiet gehören nebst der Holzernte auch die Waldpflege oder der Unterhalt von Lawinenverbauungen. Daneben unterstützen sie bei Bedarf auch den Werkdienst der Gemeinde beim Unterhalt von Wanderwegen, bei der Loipenpräparation oder bei Schneeräumungen. Antonin schätzt die vorhandene Flexibilität seines Teams für solche Aufgaben sehr. Eine Struktur geben ihnen der Geschäftsplan, unter anderem mit geregelten Zuständigkeiten und Finanzen, sowie der Betriebsplan dennoch vor. Letzterer trat per 2025 neu in Kraft und definiert alle Arbeiten je Waldparzelle nach Dringlichkeit über die folgenden 12 Jahre.  

Storytelling Antonin Hugentobler Baumfällen
Dominik Täuber

Baumbestände für die Zukunft

Aufgewachsen in Scuol begann Antonin seine berufliche Laufbahn mit der Lehre als Forstwart für die ehemalige Gemeinde Tschlin. Anschliessend wechselte er zum Forstunternehmen Janett Tschlin, währenddessen er auch seine Weiterbildung zum Förster absolvierte. Als Förster führte ihn sein Weg über die Gemeinde Valsot 2016 zur Gemeinde Scuol, wo er nur ein Jahr später die Betriebsleitung übernehmen durfte. Es ist für ihn ein besonderes Privileg, Förster in der eigenen Heimatgemeinde sein zu dürfen. Speziell interessiert er sich für die Waldpflege hinsichtlich des Klimawandels. Das Ziel seiner Arbeit ist der langfristige Erhalt des Waldes. Dazu wird in teils sehr einschichtige Bestände ohne Verjüngung eingegriffen und für mehr Lichteinfall gesorgt. Ergänzend werden vermehrt Laubbäume gepflanzt und der Boden bearbeitet, damit Lärchen und Föhren besser gedeihen. Sie sind widerstandsfähiger gegen Trockenheit, wärmere Temperaturen und Borkenkäferbefall als Fichten, welche im Unterengadin noch mehr als 50 % des Baumbestands ausmachen. Als wertvolles Musterbeispiel ist hier der Laubmischwald bei Sfondraz zwischen Vulpera und Nairs zu nennen, welcher vor Jahren dank den dortigen Kurhotels angelegt wurde.

Die Folgen des Klimawandels sind eindrücklich zu beobachten. Als Förster*in merkt man ganz bewusst, wie über die Jahre etwas mit der Natur geschieht.

Tierische Unterstützung gegen Borkenkäfer

Auch im Unterengadin ist der Borkenkäfer auf dem Vormarsch. Einen Befall erkennt man erst, wenn es schon zu spät ist und sich die Käfer stark vermehrt haben. Hier können feine Spürnasen ohne äusserliche Anzeichen dank Früherkennung der Käferpheromone gute Dienste leisten. Wortwörtlich auf den Hund gekommen ist Antonin durch einen TV-Beitrag über einen Österreicher, der mit einem Borkenkäferspürhund arbeitet. Antonin erfüllte sich mit Zino den schon länger gehegten Wunsch und startete mit ihm die Ausbildung beim Verein Artenspürhunde. Dies brachte ihm Auftritte bei RTR und SRF mit internationaler Ausstrahlung und vielen positiven Rückmeldungen ein. Es bewegte sogar andere zur Ausbildung ihres Hundes. Täglich trainiert Zino nun mit versteckten Pheromonen und wird bei korrekter Anzeige eines Baumes spielerisch belohnt. Wie effektiv Zino eingesetzt werden kann, wird sich künftig erweisen. Auch wenn Hunde nicht die Allzweckwaffe gegen Borkenkäfer sind, so haben Forschungen gezeigt, dass sie eine sehr hohe Trefferquote erzielen können.

 

Wachsamer Blick über die Schneeverhältnisse

Drohende Gefahren möglichst früh zu erkennen, ist auch bei Antonins langjähriger Funktion als Präsident der Lawinenkommission Scuol entscheidend. Zu viert beurteilen sie anhand verschiedener IT-Systeme die Schnee- und Gefahrenlage, beziehen Wetterprognosen mit ein und nehmen Absperrungen vor. Diese fliessen direkt in den Wintersportbericht ein. Unterstützung erhalten sie von verschiedenen Schnee-Messstationen, die auch Private betreuen. Dabei ergeben sich teils grosse Unterschiede – in der grössten Gemeinde der Schweiz mit mehreren Tälern gut möglich. Zur Übersicht dient Antonin eine Karte mit möglichen Lawinenzügen, zu denen es auch Evakuierungskonzepte gibt. Im Gegensatz zum Skigebiet Motta Naluns, mit dem sie eng zusammenarbeiten, können sie seitens Gemeinde nur an einem Ort im Val Sinestra Schneesprengungen durchführen. Das würde die Arbeit um einiges erleichtern.

Storytelling Antonin Hugentobler Karte
Dominik Täuber

Retter in der Not

Wandern, Bergsteigen oder Skitouren – hoch oben ist Antonin besonders gerne. Noch höher geht es per Hubschrauber, wenn ihn die Rega für schwierige Bergungen an der Rettungswinde abholt. Als Rettungschef bei der Alpinen Rettung Schweiz verantwortet er die Planung und Koordination der vier lokalen Rettungsstationen Val Müstair, Zernez, Scuol und Samnaun. Mit Pikettdiensten ist die Verfügbarkeit bei jeder Station sichergestellt. Bei einem Unglück stellt die Einsatzzentrale in Zürich die Rettungsaktion zusammen, basierend auf den Standorten des Geschehens, des Hubschraubers sowie der Retter*innen. Nicht immer ist eine Luftrettung möglich, teilweise muss ein Einsatz auch terrestrisch erfolgen. Von grossem Vorteil sind hierbei die gute Vernetzung und die Geländekenntnisse der einheimischen Retter*innen. Rund 25 Rettungs- und Suchaktionen pro Jahr werden in der Destination durchgeführt, teilweise auch mit tragischem Ausgang. Entscheidend ist daher der offene Austausch im Team nach einem Einsatz zur mentalen Verarbeitung. Doch was immer auch passiert, Antonin setzt sich weiterhin für mehr Sicherheit in der Region ein.

 

Text: Roger Kreienbühl

Bilder: Dominik Täuber

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